Was bedeutet Transformative Strukturpolitik?
Angesichts der aktuellen Herausforderungen, die Megatrends wie der Klimawandel, Ressourcenknappheit, Biodiversitätskrise, Digitalisierung oder demografischer Wandel mit sich bringen, können Strukturwandel und Transformation nicht alleine ökonomisch bewältigt werden. Der Ansatz einer transformativen Strukturpolitik greift diese komplexen Entwicklungen auf, führt Ökonomie, Soziales und Ökologie zusammen und schafft so die Grundlagen für einen nachhaltigen Wandel in Nordrhein-Westfalen mit dem Ziel einer klimaneutralen und ressourcenschonenden und gerechten Gesellschaft.
Ziele einer transformativen Strukturpolitik
Ziel der Strukturpolitik ist es, insbesondere regionale Entwicklungsunterschiede zu verringern, Arbeitsplätze zu schaffen und Wachstum zu generieren. Für die Bewältigung der Transformation und auf dem Weg zu einer klimaneutralen und ressourcenschonenden Gesellschaft sind im Sinne einer transformativen Strukturpolitik vier weitere Ziele von zentraler Bedeutung.
Erläuterungen Ziele einer transformativen Strukturpolitik
Kreislauforientierte und resiliente Wirtschaft bedeutet, Ressourcen zu schonen und Materialien im Kreislauf zu führen. Eine klimaneutrale Wirtschaft, die auf kreislauffähige Produkte und Geschäftsmodelle setzt, ist widerstandsfähig gegenüber Krisen, schafft Arbeitsplätze und schützt Klima sowie Natur.
Problemlage: Hoher Ressourcenverbrauch, geringe Kreislaufführung
Jede*r Deutsche nutzt im Durchschnitt rund 44 Kilogramm Rohstoffe pro Tag (UBA). Etwa 70 % dieser Rohstoffe werden importiert, viele davon sind nicht erneuerbar (UBA). Diese Abhängigkeit macht Wirtschaft und Gesellschaft anfällig für Preissteigerungen, Lieferengpässe und Krisen. Gleichzeitig werden Rohstoffe bislang kaum im Kreislauf geführt. Nach wie vor dominiert eine lineare Wirtschaftsweise nach dem Prinzip „Produzieren – Nutzen – Wegwerfen“. Dabei stehen 60 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen im Zusammenhang mit der Gewinnung und Verarbeitung materieller Ressourcen (UNEP).
Die Kreislaufwirtschaft zielt auf die Entwicklung eines Wirtschaftssystems ab, das Ressourcen im Keis führt und Abfälle möglichst gar nicht erst aufkommen zu lässt. Die sogenannten R-Strategien (z. B. Reduce, Repair) werden dabei als notwendig erachtet, um Wertschöpfungsketten nicht nur zirkulär, sondern weitgehend emissions- und schadstofffrei zu gestalten. Zu den wesentlichen R-Strategien einer Kreislaufwirtschaft gehören das langlebige, reparaturfreundliche und recyclinggerechte Design von Produkten, die gemeinsame Nutzung von Produkten, die Wiederverwendung von Produkten, die Reparatur defekter Produkte sowie die Aufbereitung und ein möglichst umfassendes Recycling von Materialien am Ende des Lebenszyklus eines Produktes. Neben zirkulären Produkten werden zirkuläre Geschäftsmodelle gleichwertig benötigt, die neue Services erst möglich machen, Ressourcen zu schonen und die Wirtschaft widerstandsfähig zu gestalten. Langfristig soll hierdurch eine innovative, nachhaltige und wettbewerbsfähige (Umwelt)Wirtschaft etabliert werden, die Ressourcen schont und Klimaschutz vorantreibt.
Strukturförderung für eine resiliente Kreislaufwirtschaft
Das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr (MUNV) unterstützt Unternehmen und Kommunen dabei, kreislauforientierte Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln und umzusetzen. Ziel ist es, Ressourcen zu schonen, Abfälle zu vermeiden und die regionale Wertschöpfung zu stärken. Gefördert werden unter anderem Forschung, Innovation, Beratung und die agile Zusammenarbeit entlang von Wertschöpfungsketten zur Gestaltung von zirkulären Produkten und neuen Geschäftsmodellen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf zirkulärem Bauen sowie auf digitalen Innovationen zur Steigerung der Ressourceneffizienz. Darüber hinaus werden umwelt- und ressourcenfreundliche Innovationen von Unternehmen der Umweltwirtschaft gefördert, um den Übergang zu einer klimaneutralen und ressourcensparenden Wirtschaft zu beschleunigen.
Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen bedeutet, unsere Umwelt und das Klima konsequent zu schützen und intakte Ökosysteme zu erhalten und auszubauen. Gesunde Ökosysteme sind ein wesentlicher Bestandteil der biologischen Vielfalt und die Basis für ein breites Spektrum an Ökosystemleistungen, die wiederum von großer Bedeutung für eine widerstandsfähige Wirtschaft und Infrastruktur sind. Sie helfen auch beim Katastrophenschutz, etwa bei Hochwasser, Starkregen oder Dürre, sichern Trinkwasser, liefern natürliche Ressourcen wie Holz und Nahrung, schützen den Boden, bilden neuen Boden und schaffen Räume für Erholung, Sport und Kultur. Außerdem sorgen sie dafür, dass Luft, Wasser und Boden sauber bleiben.
Natur als Basis von Wohlstand und Sicherheit
Langfristiger Wohlstand ist nur möglich, wenn unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhalten bleiben. Mehr als die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung hängt von Ökosystemen ab (Table Media). Intakte Ökosysteme sichern Wasser, saubere Luft und fruchtbare Böden und stellen wichtige natürliche Ressourcen wie Holz und Nahrung bereit. Gleichzeitig geraten sie durch Biodiversitäts- und Klimakrise zunehmend unter Druck.
Der Verlust von Ökosystemen und Biodiversität hat direkte wirtschaftliche Folgen. Werden Wälder, Böden oder Gewässer übernutzt oder geschädigt, steigen Risiken für Lieferketten, Preise und Versorgungssicherheit. Natürliche Schutzfunktionen gehen verloren: Ökosysteme können weniger CO₂ binden, Wasser schlechter speichern und Hochwasser oder Dürre weniger abmildern. Die Folgen sind steigende volkswirtschaftliche Kosten und wachsende Belastungen für Gesellschaft und Wirtschaft. Allein 2022 verursachten Umweltbelastungen in Deutschland mindestens 301 Milliarden Euro an Schäden – etwa durch Gesundheitsprobleme, zerstörte Ökosysteme oder klimabedingte Folgen (UBA). Zugleich ist eine intakte Natur, besonders als Netzwerk einer grünen und blauen Infrastruktur, ein wichtiger Standortfaktor. Sie erhöht die Lebensqualität, verbessert die Umweltbedingungen und schafft Räume für Erholung, Sport und Kultur. Regionen mit funktionaler grüner und blauer Infrastruktur sind widerstandsfähiger gegenüber Krisen und attraktiver für Fachkräfte und Unternehmen.
Strukturförderung für den Schutz der Natur
Das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr (MUNV) setzt sich im Rahmen der Strukturförderung gezielt für den Schutz, den Erhalt und die Wiederherstellung natürlicher Lebensgrundlagen ein. Ziel ist es, ökologische Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung miteinander zu verbinden. Ein Schwerpunkt liegt auf der Renaturierung von Gewässern, um die Wasserversorgung zu sichern und natürliche Rückhalteflächen zu stärken. Zudem unterstützt das MUNV Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität und zur Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme sowie zur Schaffung zusätzlicher naturnaher Flächen. Darüber hinaus arbeitet das Umweltministerium daran, den Ressourcenverbrauch auf ein ökologisch verträgliches Maß zu senken und CO₂-Emissionen zu reduzieren. Hervorzuheben ist hier insbesondere der Verkehrsbereich. Unterstützt werden unter anderem nachhaltige und emisssionsarme Mobilitätslösungen oder Innovationen im Verkehr. Ziel ist es, Unternehmen, Politik und Gesellschaft für die Bedeutung der Natur als Grundlage unseres wirtschaftlichen Handelns zu sensibilisieren – damit Wohlstand und Lebensqualität auch für kommende Generationen gesichert sind.
Anpassungsfähigkeit von Regionen bedeutet, Städte und Gemeinden so zu gestalten, dass sie Krisen besser bewältigen und sich schnell auf Veränderungen einstellen können. Wer unabhängiger von globalen Risiken ist, hat klare Vorteile. Ein vielfältiger Branchenmix, grüne Geschäftsmodelle, regionale Stoffkreisläufe und klimaangepasste Infrastrukturen machen Städte und Regionen widerstandsfähiger und zukunftsfähiger.
Verwundbare Regionen in einer Welt im Wandel
Viele Städte und Regionen sind bislang nur begrenzt auf globale Krisen vorbereitet. Klimawandel, Extremwetterereignisse wie Hitzeperioden oder Starkregen sowie wirtschaftliche Schocks stellen Kommunen zunehmend vor große Herausforderungen (OECD). In Deutschland gab es beispielsweise in den Jahren 2023/2024 etwa 6.000 Hitzetote (DW). Fehlende Vorsorge führt nicht nur zu Schäden an Infrastruktur und Umwelt, sondern auch zu gesundheitlichen Belastungen und wirtschaftlichen Einbußen.
Gleichzeitig sind viele Regionen stark von globalen Märkten und internationalen Lieferketten abhängig. Rund 70 % des internationalen Handels laufen über globale Wert- und Lieferketten (OECD). Fällt eine Branche aus oder kommt es zu Störungen im Welthandel, geraten regionale Wirtschaftssysteme schnell unter Druck. Eine geringe wirtschaftliche Vielfalt erhöht diese Anfälligkeit.
Hinzu kommen weitere strukturelle Belastungen im Alltag: Überlastete Verkehrswege, Staus und ein hoher Flächen- und Energieverbrauch mindern die Lebensqualität und schwächen die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Ohne gezielte Anpassung verlieren Städte und Regionen an Zukunftsfähigkeit.
Strukturförderung für resiliente Regionen
Das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr (MUNV) stärkt gezielt die Anpassungsfähigkeit und Resilienz von Städten und Regionen in Nordrhein-Westfalen. Ein zentraler Schwerpunkt ist die Vorsorge gegenüber den negativen Folgen des Klimawandels.
Gefördert werden unter anderem Hochwasserschutzmaßnahmen, Schwammstadtkonzepte, Hitzeaktionspläne sowie Renaturierungsmaßnahmen, die natürliche Schutzfunktionen stärken. Auch der Ausbau und die Sicherung der Wasserversorgungs- und Abwasserinfrastruktur spielen eine wichtige Rolle, um Kommunen widerstandsfähiger gegenüber Krisen zu machen.
Darüber hinaus unterstützt das MUNV den Aufbau regionaler Wirtschaftskreisläufe und einen vielfältigen Branchenmix, um die Abhängigkeit von globalen Märkten zu verringern. Zukunftsfähige, klimaneutrale und ressourcenschonende Geschäftsmodelle werden gezielt gefördert – insbesondere grünes Unternehmertum und Start-ups in der Umweltwirtschaft, die regionale Wertschöpfung stärken und neue Perspektiven schaffen. So trägt das Umweltministerium dazu bei, Städte und Regionen widerstandsfähiger, lebenswerter und langfristig zukunftsfähig zu gestalten.
Ein gerechter Übergang heißt: Niemand wird zurückgelassen – weder ganze Regionen noch einzelne Menschen in Nordrhein-Westfalen. Ziel ist es, soziale Gerechtigkeit mit den wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit zu verbinden. Dazu gehört, dass alle Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, besonders benachteiligte Gruppen. Wichtig sind außerdem der Zugang zu Grün- und Freiflächen, Gerechtigkeit zwischen den Generationen und Geschlechtern sowie sichere Arbeitsplätze vor Ort.
Problemlage: Wandel darf nicht spalten
Der notwendige Wandel hin zu mehr Klima- und Umweltschutz bringt große Chancen mit sich – kann aber auch soziale Ungleichheiten verstärken, wenn er nicht gerecht gestaltet wird. Besonders betroffen sind Menschen in Regionen mit CO₂-intensiven Industrien, in denen Arbeitsplätze wegfallen oder sich grundlegend verändern. Studien zur Umweltgerechtigkeit zeigen zudem: Menschen mit geringem Einkommen oder in benachteiligten Stadtteilen sind häufig stärker von Umweltbelastungen wie Lärm, Luftschadstoffen oder fehlenden Grünflächen betroffen. Der Klimawandel verschärft diese Unterschiede weiter. Hitze, Starkregen oder Hochwasser treffen Regionen und Bevölkerungsgruppen unterschiedlich stark und können bestehende Ungleichheiten vertiefen. Gehen wirtschaftliche Perspektiven verloren, steht nicht nur Beschäftigung auf dem Spiel, sondern auch der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Identität ganzer Regionen. Ein erfolgreicher Transformationsprozess muss deshalb ökologische, wirtschaftliche und soziale Aspekte gemeinsam in den Blick nehmen.
Strukturförderung für einen gerechten Wandel
Das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr (MUNV) setzt mit seiner Strukturpolitik gezielt auf einen sozial gerechten Übergang, bei dem niemand zurückgelassen wird. Ziel ist es, Benachteiligungen frühzeitig zu erkennen, abzubauen und neue soziale Spaltungen zu vermeiden.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Stärkung der Umweltgerechtigkeit. Belastungen durch Lärm und Luftschadstoffe müssen verringert und der Zugang zu Grün- und Freiflächen verbessert werden – insbesondere in stark betroffenen Regionen. Gefördert werden unter anderem naturnahe Erholungs- und Freizeitangebote, die Gesundheit, Lebensqualität und die Stärkung sozialer Begegnung vor Ort. Darüber hinaus arbeitet das MUNV daran, Mobilitätsarmut zu reduzieren und die Erreichbarkeit wichtiger Ziele zu verbessern. Auch die Zusammenarbeit zwischen Regionen wird gestärkt, um gleichwertige Lebensverhältnisse zu fördern.
Ein weiterer Fokus liegt auf Bildung, Qualifizierung und Beteiligung. Mit Fördermöglichkeiten für die berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung unterstützt das MUNV eine zukunftsorientierte Aus- und Weiterbildungslandschaft, die ihre Bildungsangebote am Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung ausrichtet und Green Skills fördern. Menschen werden so befähigt den Herausforderungen des Strukturwandels in ihrem Berufs- und Lebensumfeld zu begegnen und den Wandel aktiv mitzugestalten. Beteiligungsformate wie Bürgerbeteiligungen oder Ideenwettbewerbe stärken Mitbestimmung, regionale Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. So trägt das Ministerium dazu bei, ökologische Transformation, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Perspektiven miteinander zu verbinden.